Auch zu Lebzeiten Johann Krahuletz‘ erschütterten Epidemien die Welt: Der Museumgründer war direkt, als Freund und Bekannter von Erkrankten und Verstorbenen, aber auch indirekt, als Zeitzeuge und Beobachter, von den Geschehnissen betroffen. Besonders die im Jahr 1866 in Niederösterreich grassierende Cholera und die Spanische Grippe der Jahre 1918 und 1919 wurden als einschneidende Erlebnisse empfunden. Dementsprechend enthält das Archiv des Krahuletz-Museums zahlreiche Dokumente und Berichte zu den damaligen Ereignissen. Nicht zuletzt die aktuelle Situation, die eine vorläufige Schließung der Museen bedingt, macht es den Mitarbeitern des Krahuletz-Museums nun möglich, diese Archivalien zu erschließen.

Die Cholera-Epidemie von 1866

Die Krankheit brach in den Reihen des preußischen Militärs aus: Während der Auseinandersetzung um die Vorherrschaft im Deutschen Bund, dem sogenannten Preußisch-Österreichischen Krieg im Jahr 1866, marschierten die Truppen des Königreichs Preußen, nach der Schlacht von Königgrätz, Mitte Juli in Niederösterreich ein, mit ihnen die Cholera. Zur Zeit des Abzugs der preußischen Soldaten in den ersten Augustwochen des Jahres 1866 hatte die Epidemie schon auf die österreichische Bevölkerung übergegriffen.

Die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1905, Bertha von Suttner, beschreibt in ihrem bekannten Roman „Die Waffen nieder!“ die dramatischen Ereignisse und die niedergeschlagene Stimmung in Zeiten der Cholera-Epidemie: „Wer in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlösser, nachblättern will, könnte daselbst viele ähnliche Fälle von Massenunglück finden. Da ist zum Beispiele – in der Nähe des Städtchens Horn – das Schloß Stockern. Von der Familie, die es bewohnte, sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866, gleichfalls nach Abmarsch der preußischen Einquartierung, vier Mitglieder – der zwanzigjährige Rudolf, dessen Schwestern Emilie und Bertha, Onkel Candid – und außerdem fünf Personen Dienerschaft – der Seuche erlegen. Die jüngste Tochter, Pauline von Engelshofen, blieb verschont. […] Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation über mich gekommen, daß ich stündlich erwartete, der Tod – in dessen Zeichen das Land seit zwei Monaten stand – werde nun mich selber und meine anderen Lieben dahinraffen.“

Bei dem genannten „Onkel Candid“ handelt es sich um Candid Ponz Reichsritter von Engelshofen (1803 – 1866), dem Vorbild des jungen Johann Krahuletz, der mit seinen naturwissenschaftlichen und archäologischen Sammlungen wegweisend für die Entwicklung des Museumsgründers war. Im letzten Tagebucheintrag von Engelshofen, zwei Tage vor seinem Tod am 8. August 1866, kündigt sich bereits sein Schicksal und das eines Großteils seiner Familie an: „6. Monntag. In der Nacht von 5 auf den 6. der Halder Wirlach an der Cholera gestorben. – Sein Weib darauf an der Cholera erkrankt, befindet sich schlecht. Krapfenbauer Abends an der Cholera gestorben – Alte Hanns Cholera sehr schlecht Abends. […] In Horn sollen 700 kranke Preußen und heute 40 Tode seyn. […]. Abends ziemlich viel Blut abgegangen…“

Archiv Krahuletz-Museum

Johann Krahuletz, der zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt war, erinnerte sich Jahre später an die Geschehnisse im Sommer 1866: „ Es kam aber das Kriegsjahr 1866, das Schloß Stockern bekam eine Menge Einquartierungen von Preußen, welche die Cholera mitbrachten; es kehrten dort traurige Ereignisse ein. Alle Bewohner des Schlosses erkrankten an dieser heimtückischen Krankheit, die Hälfte davon starb, darunter auch Baron Candid. […]am Freitag, wie der Vater nach Stockern in die Nähe des Schlosses kam, entdeckte er sofort, daß dort etwas Besonderes vorgegangen sein mußte, alles lief bestürzt herum, der junge Baron, des Bruders Adolf einziger Sohn, Rudolf Engelshofen, der Liebling des Onkels Candid war plötzlich gestorben; in diesen Tagen erlag noch der Cholera ein weiterer Teil dieser edlen Familie; am anderen Tage nach dreistündiger Krankheit war auch Baron Candid Engelshofen schon eine Leiche.“

Die grassierende Seuche löste wie zu allen Zeiten Furcht aus, neben den verzweifelten Versuchen der Volkmedizin sowie einer jungen neuen Lehre – der Homöopathie (siehe unten) – kamen aber auch erstmals praktische Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen zum Einsatz. Vorreiter war hier der deutsche Chemiker und Pharmazeut Max von Pettenkofer, dessen Richtlinien und Erfahrungsberichte auch bei der Bekämpfung der Choleragefahr in Wien eine Rolle spielen sollten. So fordert die Neue Freie Presse, am 14. August 1866 im Angesicht der Krise, verschärfte Hygienemaßnahmen, Verbesserungen im Kanalisationssystem und weitreichende Desinfektion mit Metallsalzen. Überhaupt: „Desinfektionsmittel können nicht energisch genug gebraucht werden, und ein Uebermaß derselben kann durchaus nicht schaden“. Dennoch sollte die Seuche in mehreren Epidemieschüben in den Jahren von 1831 bis 1873 rund 18.000 Wienerinnen und Wienern das Leben kosten*.

In der selben Ausgabe finden wir auch eine kleine Annonce, die zeigt, dass wie zu allen Zeiten, auch aus dieser Krise Kapital zu schlagen war – beworben wird eine mirakulöse Schweizer-Alpen-Kräuter-Molke, die – in gemeinsamer Anwendung mit einem sogenannten „Gletscher-Aether“ – unschlagbare Erfolge bei der Bekämpfung der Cholera erzielen soll.

Anzeige in der Neuen Freien Presse vom 14.8.1866 (Österreichische Nationalbibliothek, ANNO)

Versuche, der Krankheit Herr zu werden, unternahm man auch im Rahmen einer damals noch jungen Lehre, der Homöopathie. Aus dem Archiv des Krahuletz-Museums stammen die Aufzeichnungen eines Unbekannten zur Dosierung und den Anwendungsgebieten homöopathischer Mittel. Gegen Cholera empfiehlt der Verfasser Veratrum album, globuli der weißen Nieswurz.

Archiv Krahuletz-Museum

 

Die Spanische Grippe der Jahre 1918 und 1919

Wer in den Herbstmonaten des Jahres 1918 die Tageszeitungen aufschlug, dem sprang eines der drängendsten Probleme einer leidgeplanten Zeit auf jeder Seite in die Augen: Die Spanische Grippe grassierte und forderte hohe Opferzahlen in der vom jahrelangen Weltkrieg geschwächten Bevölkerung.

Die ersten Verdachtsfälle der Krankheit sind vermutlich aus Haskell County, Kansas (USA) im Winter 1918 dokumentiert, vom Mittleren Westen ausgehend hat sich die Krankheit über Truppenbewegungen rasend schnell weltweit verbreitet. Die Nachrichtensperre der kriegsbeteiligten Länder hatte allerdings zur Folge, dass sich vor allem aus dem neutralen Spanien die Berichte zu einer ausbrechenden Pandemie häuften. Das führte zur Bezeichnung „Spanische Grippe“. Während die erste Grippewelle im Frühjahr 1918 noch in den meisten Fällen komplikationslos verlief, zeichneten sich die zweite Welle im Herbst /Winter 1918, sowie ein dritter Schub im Frühjahr 1919, durch eine hohe Sterblichkeitsrate aus. Bis ins Jahr 1920 fielen in den kriegsgeschwächten Ländern Europas Millionen Menschen dem Influenzavirus zum Opfer, weltweit gehen die Schätzungen bis zu 50 oder sogar 70 Millionen Tote. Im Gegensatz zu den üblichen Risikogruppen von Grippeepidemien – Kindern und älteren Menschen – waren die Erkrankten häufig in ihren mittleren Lebensjahren, also in einem Alter von 20 bis 40 Jahren.

Die umfassenden Einschränkungen und die verheerenden Auswirkungen der Pandemie sind den Zeitungsberichten dieser Tage zu entnehmen, in allen Orten und in vielen Familien waren Erkrankungen und Todesfälle zu beklagen. Auch die Schulen mussten unter dem Druck der Ereignisse für Monate schließen – ab Mitte Oktober blieben die Schulpforten geschlossen, erst für den 6. Dezember 1918 verkündet die Eggenburger Volkspost ein Ende der sogenannten „Grippe-Ferien“.

Ausschnitte aus der Eggenburger Volkspost vom 18.10. und 13.12.1918, Archiv Krahuletz-Museum

Auch in den persönlichen Aufzeichnungen des Johann Krahuletz findet die Krankheit ihren Niederschlag: In seinem Kriegstagebuch berichtet der Museumsgründer im November des Jahres 1918: „Das Jahr 1918 brachte uns alles was das Unglück noch vergrößern half, die sogenannte spanische Krankheit – Grippe – verbreitete sich auch am Lande, weit und breit, und wurde bei der armen Bevölkerung wegen mangelhafter Ernährung zu einer gefürchteten Seuche, welche viele besonders von den jungen Leute hinwegraffte. Alle Versammlungen, Theater, Kinos, Schulen waren dieser wegen vom 20. Oktober bis anfangs Dezember geschlossen.

Archiv Krahuletz-Museum

Der komplette Eintrag aus dem Kriegstagebuch von Johann Krahuletz zum Nachhören:

 

*https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Cholera